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tragen, die der Verein oder der
Verband vorschrieben, wir hatten
keine Spezialtrainer fürs Tor, für die
Kondition, wir hatten keine große
medizinische Abteilung. Selbst
bei der Nationalmannschaft gab es
nur einen Masseur, nämlich Erich
Deuser“, listet Tilkowski auf.
Und heute? „Die Spieler können sich
vermarkten, können die Schuhe ihrer
Wahl tragen, treten in den herrlichs-
ten Stadien der Welt an. Es ist
unglaublich, was ihnen sportlich und
finanziell geboten wird. Ihnen wird
alles abgenommen, zum Verein oder
zur Nationalmannschaft brauchen
sie nur noch ihren Kamm und die
Zahnbürste mitzubringen, alles an-
dere erledigt sich wie von selbst“,
staunt Tilkowski, für den der Fußball
in diesem Segment „ein Traumberuf“
geworden ist. Gerne wäre er noch
mittendrin.
Hans-Josef Justen
hat nie auf den Putz gekloppt. Das ist
typisch für die ganz Großen. Die sind
immer bescheiden geblieben.“
Eine Eigenschaft, die Hans Tilkowski
zuweilen bei den Jung-Stars der
Jetzt-Zeit vermisst. Wobei er jedoch
fast entschuldigend einräumt: „Wo
soll die Bescheidenheit herkommen,
wenn die in ihrem Alter schon so viel
Geld verdienen.“
Hans Tilkowski, immer noch fit,
drahtig, hellwach, hofft darauf, im
kommenden Jahr achtzig zu wer-
den. Doch wenn er einen Herzens-
wunsch frei hätte, dann diesen:
„Ich wäre liebend gern noch einmal
20“, sagt er und unterfüttert sein
Begehren mit Vergleichen. „Wir
haben im Gegensatz zu heute doch
nur gegen Verbote gespielt. Wer-
bung war untersagt, Ablösesummen
gab es nicht, Gehälter waren
begrenzt, wir mussten die Schuhe
An diese Kindertage der Bundesliga
erinnert er sich, als wäre es gestern
gewesen. Der 1. FC Köln, damals mit
dem ehrgeizigen Präsidenten Franz
Kremer so etwas wie die deutsche
Antwort auf Real Madrid, ist erster
Meister geworden, und Uwe Seeler,
das HSV-Idol, wurde der erste Tor-
schützenkönig. „Auch gegen mich hat
der Uwe das eine oder andere Ding
versenkt“, sagt Tilkowski, der den
Hamburger voller Respekt als einen
Ausnahmekönner würdigt:
Uwe Seeler wurde erster
Bundesliga-Schützenkönig
„Er war dynamisch, kopfballstark
und scheute keinen Zweikampf. Er
konnte ein Spiel allein entscheiden
und jede Mannschaft mitreißen“,
lobt Tilkowski, der den ehemaligen
Konkurrenten zudem wegen einer
bemerkenswerten charakterlichen
Stärke rühmt: „Er ist nie ausgeflippt,
WIEDERSEHEN NACH 45 JAHREN:
HURST UND TILKOWSKI BEI EINEM
ZUSAMMENTREFFEN IM JAHR 2011.
WEMBLEY, 30. JULI 1966: GEOFF
HURST ERZIELT GEGEN TILKOWSKI
DAS VIELLEICHT BERÜHMTESTE
„TOR“ DER FUSSBALL-GESCHICHTE.