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VOR 60 JAHREN
WM- QUALIFIKATIONSSPIEL SAARLAND GEGEN DEUTSCHLAND
In der 50er-Jahren war das Saarland ein autonomer Staat, war sein Fußballbund, früher noch
als der DFB, Mitglied in der FIFA und dank des 1. FC Saarbrücken eine erste Adresse im
europäischen Fußball gewesen. Höhepunkt der saarländischen Fußball-Geschichte mit ihren
19 Länderspielen waren die beiden Begegnungen mit Deutschland in der Qualifikation zur
WM 1954 und dabei ganz besonders das Rückspiel in Saarbrücken. Michael Kipp, Redakteur bei
der Saarbrücker Zeitung, blickt zurück auf ein denkwürdiges Spiel in einer merkwürdigen Zeit.
Wo liegt das nochmal? Wie groß ist
es? Sprechen die nicht alle franzö-
sisch? „Das Saarland ist wahrschein-
lich das unbekannteste deutsche
Bundesland“, resümierten Meinungs-
forscher in einer Imageanalyse,
welche die saarländische Landes
regierung in Auftrag gegeben hatte.
Seit Februar 2014 liegt sie vor und
erklärt den Saarländern, dass sie
niemand kennt.
Dabei war das Saarland einst dank
Kohle und Stahl ein starker deut-
scher Wirtschaftsmotor, und dank
des Fußballs früher eine große
Nummer mitten in Europa. Der
1. FC Saarbrücken, Borussia Neun
kirchen – in den 50er- und Anfang
der 60er-Jahre war der saarlän
dische Fußball en vogue. Nicht nur
in Deutschland. In ganz Europa. 1954
auch in aller Welt. Denn das kleine
Saarland wollte an der Weltmeister-
schaft in der Schweiz teilnehmen.
In einer Zeit, als das Saarland gerade
mal wieder französisch war. Zumin-
dest stand es vom 8. November 1947
bis Ende 1956 unter dem Protektorat
Frankreichs. Die Franzosen waren für
seine Verteidigung und die auswär
tige Vertretung zuständig. Ansonsten
war das Saarland jedoch ein auto
nomer Staat, hatte eine eigene Ver-
fassung, einen Ministerpräsidenten,
einen Landtag, eine Regierung, eine
Polizei, Autokennzeichen. Und: sehr,
sehr gute Fußballer. „Der beste
Außenminister des Saarlandes war
damals der 1. FC Saarbrücken“, sagt
der FCS-Stürmer Herbert Binkert.
„Saarbrücken interessanteste
Mannschaft desKontinents“
Das sah der damalige FIFA-Präsi-
dent Jules Rimet übrigens ähnlich:
„Die interessanteste Mannschaft des
Kontinents kommt aus Saarbrücken“,
erklärte er in einem Interview. Dabei
bezog sich der Namensgeber des
WM-Pokals auf die FCS-Mannschaft,
die 1951 Real Madrid im Chamartín-
Stadion (das heutige Bernabeu) mit
4:0 geschlagen hatte und 1952 das
Endspiel um die Deutsche Meister-
schaft gegen Stuttgart unglücklich
2:3 verloren hatte. Nur noch über-
troffen von der saarländischen
Nationalmannschaft. Sie war ein
saarländisches Heiligtum.
Helmut Schön war seit 1952 ihr
Trainer und sollte sie zur WM führen.
Genau der Dresdner, der 22 Jahre
später Beckenbauer, Maier und
Müller zum WM-Titel lotste und
1956 Sepp Herbergers Assistent
werden sollte. Oder der Saarländer
Hermann Neuberger: Am 14. Mai
1950 begann er als Präsident des
damaligen Saarländischen Fußball-
bundes seine beispiellose Funk
tionärskarriere, die der Völklinger
als DFB-Präsident (1975 bis 1992)
vollendete. Dank Neubergers ge-
schickter Vermittlung gelang es
dem Fußballbund des Saarlands am
Als Fußball die Politik
zur Seite grätschte
Vor 60 Jahren:
Das historische WM-„Bruder-Duell“ des Saarlands gegen Deutschland