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VOR 50 JAHREN
HELMUT SCHÖNS AMTSANTRITT UND DAS ENDE DER ERSTEN BUNDESLIGA-SAISON
irritierte, dass der Bundestrainer
seine eigenen Prinzipien konterka-
rierte. „Ich galt vier Jahre vorher für
Schweden als zu jung, zu unerfahren,
obwohl ich schon drei Länderspiele
hinter mir hatte, und jetzt wurde mir
plötzlich ein Debütant vorgezogen“,
staunte Tilkowski, der dem rang-
höchsten deutschen Fußballlehrer in
seiner Empörung und Erregung vor-
warf: „Sie lehren etwas anderes als
das, was Sie praktizieren.“
Von Sepp Herberger zur
Rückkehr gebeten
Sprach es – und bat um sein Ticket
für den Heimflug: „Ich wollte ab
reisen, die Nationalmannschaft war
für mich kein Thema mehr.“
Tilkowski blieb zwar, doch gespielt
hat er nicht mehr. Nicht nach seinem
Wechsel von Westfalia Herne, da-
mals immerhin einer der führenden
deutschen Oberligisten, zur Dort-
munder Borussia, nicht nach Einfüh-
rung der Bundesliga, die 1963, ein
Jahr nach Chile, aus der Taufe ge
hoben wurde. Denn Tilkowski, ein
knorriger, aufrechter, ehrlicher West-
fale, stand zeitlebens zu seinen Prin-
zipien: Hat er aus voller Überzeugung
mal Nein gesagt, steht er dazu, genau
wie zu einem Ja. „Vor 55 Jahren habe
ich zu meiner Frau Ja gesagt, und das
gilt bis heute“, erzählt der Ex-Natio-
naltorwart, der im speziellen Fall
Herberger dann doch „wortbrüchig“
geworden ist. Und zwar unter ganz
besonderen Voraussetzungen.
Sepp Herberger kam im Dezember
1963 nach Dortmund, wo der BVB
im Europacup der Pokalsieger mit
einem sensationellen 5:0 über Ben
fica Lissabon triumphierte. Beim
anschließenden Bankett ging Her
berger auf Tilkowski zu und bat ihn
zur Teilnahme an einer Länderspiel-
reise nach Marokko und Algerien.
„Ich habe zugesagt, obwohl ich
wusste, dass ich nicht sofort wieder
die Nummer eins sein würde“, berich-
tet Tilkowski, dem der Kölner Fritz
Ewert gegen Marokko vorgezogen
wurde, ehe er dann aber in der zwei-
ten Halbzeit gegen Algerien in die
Nationalmannschaft zurückkehrte.
den Tisch kam und zu Tilkowski
sagte: „Hans, der Chef will mit Ihnen
sprechen.“ Und was der ihm mitzu
teilen hatte, haute Hans Tilkowski
glatt vom Stuhl: Erste Wahl für die
WM-Endrunde war nicht er, sondern
der 21-jährige Nationalmannschafts-
Neuling Wolfgang Fahrian.
„Ich begriff die Welt nicht mehr“,
sagt der Westfale, den es vor allem
Hans Tilkowski fühlte sich mit Recht
als Deutschlands Torwart Nummer
eins, als die Nationalmannschaft
1962 zur Weltmeisterschaft nach
Chile düste. Doch 20 Stunden vor
dem ersten Spiel (4:3 gegen Nord
irland) ist er Knall auf Fall abgesetzt
worden. Sie saßen in fröhlicher und
entspannender Skatrunde, als Hel-
mut Schön, Assistent des legendären
Bundestrainers Sepp Herberger, an
KAPITÄN MIT „SALATSCHÜSSEL“: HANS SCHÄFER UND DER 1. FC KÖLN
WERDEN ALS ERSTER BUNDESLIGA-MEISTER GEKÜRT.