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VOR 40 JAHREN
DIE DDR BEI DER WM 1974
aufgehoben. Eine Bild-Zeitung vom
Spieltag mit dem Titel: „Warum wir
heute gewinnen“. Das allerdings ver-
hinderte nach Hamanns glanzvoller
Vorarbeit in letzter Instanz und mit
perfekter Krönung ein DDR-Stürmer:
Jürgen Sparwasser.
Der Magdeburger nahm Hamanns
Mustervorlage an, umkurvte Abwehr-
Terrier Berti Vogts und Torhüter Sepp
Maier. „Dieses Tor ist für mich nie zur
Belastung geworden, zumal es schön
gemacht war. Es war wie aus dem
Lehrbuch“, rekapituliert er diese
Szene, die Geschichte schrieb. Und er
vergaß bei aller Begeisterung um
seine Person den Passgeber nicht:
„50 Prozent des Tores gehören Erich
Hamann.“
Dass dieses 1:0 in die Fußball-Anna-
len eingehen sollte, hätte „Spari“ da-
mals selbst nicht für möglich gehal-
ten. Eine repräsentative Umfrage
unter Studenten belehrte ihn Jahre
waren wir damals wohl blutige An-
fänger“, erinnert sich Erich Hamann.
„Traue unserem Team zu,
um den Titel mitzuspielen“
„Natürlich schaue ich jetzt schon auf
die nächste WM in Brasilien. Die Bra-
silianer werden zaubern, doch die
Europäer werden sich nicht naiv an-
stellen, sondern Gegenmittel parat
haben. Unserer Mannschaft traue ich,
wenn sie ihr Potenzial ausschöpft
und vor allem in der Defensive siche-
rer wird, durchaus zu, um den Titel
mitzuspielen.“
Das Abschneiden bei der WM 1974
war für Hamann und sein Team ein
großer Erfolg. „Wir haben gezeigt,
dass wir in der DDR guten Fußball
spielen können und nicht die Kraft-
maschinen und Antifußballer sind,
als die wir dargestellt wurden.“ Des-
halb hat er bis heute ein besonderes
Mitbringsel als Erinnerungsstück
dauerte nur 45 Minuten – und war
zugleich der letzte in seiner kurzen
Länderspiel-Karriere. Wegen einer
Oberschenkel-Verletzung musste der
Frankfurter ausgewechselt werden,
und diese machte ihm dann nach
missglückter Behandlung über ein
Jahr lang schwer zu schaffen.
„Wir hätten bei der WM durchaus
noch erfolgreicher sein können, wenn
wir in der zweiten Runde gegen Brasi-
lien und Argentinien von unseren
Trainern nicht zu defensiv eingestellt
worden wären. Chancenlos waren
wir eigentlich nur gegen die über
ragenden Holländer.“ Auch sei die
0:1-Niederlage gegen Brasilien über-
flüssig gewesen. „Ein direkt verwan-
delter Freistoß mit einer Variante, die
neu für uns war. Ein Brasilianer stellte
sich in die Mauer, duckte sich und
Rivelino traf genau durch dieses
Loch, was er sonst wohl auch nicht
alle Tage schaffte. Wenn ich heute an
das Gedränge bei Freistößen denke,
HAMBURG, 22. JUNI 1974:
JÜRGEN SPARWASSER NIMMT
MASS UND ERZIELT DEN
ENTSCHEIDENDEN TRAFFER.
ERICH HAMANN IM
KOPFBALLDUELL: ZWISCHEN-
RUNDENSPIEL BEI DER
WM 1974 GEGEN BRASILIEN.