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SERIE SCHLÜSSELSPIELER ( TEIL 5)
ZENTRALES OFFENSI VES MITTELFELD
Erzählen wir kurz die Anekdote
aus jener deutschen Dreikönigszeit:
Der Jaguar E gehörte zunächst
Günter Netzer („Das schönste Auto
der Welt“). Für 10.000 Mark ver
kaufte der den flotten Flitzer an
Franz Beckenbauer. Dann, erinnert
sich Netzer immer wieder gern, ist
Folgendes passiert: „Am nächsten
Morgen ruft der Franz mich an und
tobt: „Günter, du bist ein Betrüger!
Es regnet rein, und die Bremsen funk-
tionieren nicht.“ Ich habe ihm ge-
sagt: Franz, was willst du, es ist ein
englisches Auto? Da hat er dieses
wunderschöne Auto für 8.000 Mark
an Wolfgang Overath verkauft. Und
was macht dieser Ignorant? Er lässt
den Jaguar lila lackieren. Lila! Da hat
man entzündete Augen gekriegt.“
Netzer war einen Hauch genialer,
aber an seinen schwächeren Tagen,
so ein meckernder Kritiker, durchaus
auch mal „ein Rolls Royce mit dem
Motor eines Rasierapparats“ – wäh-
rend Overath schwache Tage (fast)
nie hatte, keine Drecksarbeit scheute
und wie ein Geißbock galoppierte.
„Der Wolfgang“, sagte Beckenbauer,
wärtiger Dominanz und kaltschnäu
ziger Torgefahr hat man erst wieder
bei Johan Cruyff erlebt.
„Grazie einer Primaballerina,
Intelligenz eines Einstein“
Der Holländer war offiziell Mittel-
stürmer, regierte als „König Johan“
mit der „14“ auf dem Buckel aber
überall, schlug vorne zu, ließ sich
zurückfallen, servierte wie auf dem
Tablett seine Pässe, bestimmt das
Tempo, und Weltmeister ist er 1974
nur deshalb nicht geworden, weil
Bundestrainer Helmut Schön vor
dem Endspiel zu seinem Terrier sag-
te: „Na, Berti?“ „In Ordnung. Herr
Schön“, nickte Berti Vogts.
Es lag aber auch an Wolfgang
Overath, den man den „linken Fuß
von Kölle“ nannte und über den eine
brasilianische Zeitung hingerissen
schrieb: „Er hat die Grazie einer Prima-
ballerina und die Intelligenz eines
Einstein.“ Jedenfallswar er so gut, dass
wir in der Schaltzentrale eines Tages
ein Luxusproblem bekamen: Overath
oder Netzer? Mercedes oder Jaguar?
Auch Alfredo di Stefano, der „Blonde
Pfeil“, war so ein Denker, Lenker
und Henker. Der Aktionsradius des
Argentiniers war grenzenlos, er war
der Drahtzieher aller Angriffsmanö-
ver des ersten „weißen Balletts“ von
Real Madrid, das von 1956 bis 1960
fünf Mal Europacupsieger wurde.
Über jenen Sturm – Canario, del Sol,
di Stefano, Puskas, Gento – schrieb
ein Bewunderer hymnisch: „Man
muss sich vorstellen, Bach, Mozart,
Beethoven, Haydn und Händel hätten
alle zusammen für den Fürstbischof
von Salzburg komponiert. Zur glei-
chen Zeit, das gleiche Concerto, am
gleichen Klavier. Mit Brahms auf der
Reservebank.“
Alfredo di Stefano war Beethoven in
jenem Ensemble. Vor allem beim
7:3 gegen Frankfurts Eintracht vor
120.000 Fassungslosen im 1960er-
Landesmeister-Finale in Glasgow. Er
trug die „9“, der Ungar Puskas neben
ihm die „10“, aber umgekehrt wäre
richtiger gewesen, denn noch breiter
als sein Scheitel war das Feld, das er
beackerte. Diese seltene Mixtur aus
raumgreifender Eleganz, allgegen-
ZEIGT DIE RICHTUNG AN: FÜR VIELE IST PELÉ
NOCH IMMER DER BESTE FUSSBALLER ALLER ZEITEN.
DENKER UND LENKER DER 54ER-WELTMEISTER:
FRITZ WALTER IM DUELL MIT GYULA LORANT.