CdN Newsletter 16 - page 23

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Trainerlegende Cesar Luis Menotti:
„Was Diego mit den Füßen kann,
schaffen wir Sterblichen nicht einmal
mit den Händen.“ Als später der All-
mächtige dem Begnadeten auch noch
die Hand Gottes reichte, war dem der
ewige Ruf als sagenhafte Gestalt
der Fußballgeschichte sicher. Seine
bekennendsten Jünger gründeten zu
Ehren ihres Heiligen sogar eine eigene
Kirche, die „Iglesia Maradoniana“.
Eine Skandalnudel war aber auch er.
Und eine Primadonna. Gelegentlich
war zu befürchten, dass ihm der
Wurstbelag auf dem Halbzeitbröt-
chen nicht passte. Er hat dann mit
dem Kicken jedoch gerade noch
rechtzeitig aufgehört – als abzuse-
hen war, dass die Narrenfreiheit der
Genies und Wahnsinnigen im neuen
Disziplinfußball keinen Platz mehr
hatte. Die Räume wurden enger, vor
allem für die Feldherren der alten
Schule.
Antrittsschnelle Dynamiker wie
Lothar Matthäus oder ehemalige
Flügeldribbler wie Pierre Littbarski
(der Pionier diesbezüglich war Jürgen
übrig von der spießigen Enge der
Nachkriegszeit. Spielmacher war
gar kein Ausdruck mehr – er war
unser Playboy.
Die Genies hatten noch freie Hand.
Launisch durften sie sein und eigen-
willig, exzentrisch und extravagant,
oder streitbar wie Bernd Schuster.
Der schwebte als „Blonder Engel“
über das Feld. Alles sah mühelos aus.
Er schüttelte den Ball aus dem
Fußgelenk und legte ihn, wie vor dem
1:0 im EM-Finale 1980 gegen Bel­
gien, mundgerecht Horst Hrubesch
„auf die Zunge“. Wenn man Schuster
sagt, muss man auch von Magath
noch mal kurz reden und darf Hansi
Müller nicht weglassen, oder Asgeir
Sigurvinsson, dessen meisterlichen
Nachfolger in Stuttgart – und für die
nächste La Ola sorgten dann die
Kreuzgefährlichen und Torhungrigen
unter den Zehnern, wie Michel Platini
und Zico, der Zauberer vom Zuckerhut.
Aber vor allem die Hand Gottes.
Diego Maradona. Schon mit 16 war
„El Pibe de Oro“, der Goldjunge, alt
genug für das Lob der argentinischen
„reißt uns immer mit“. Schon bei der
WM 1966: Angesichts des Mittelfeld-
trios Beckenbauer –Haller –Overath
läuteten damals die Kirchenglocken,
ergriffen vom Hauch der Einmaligkeit.
Die beeindruckendste Erinnerung ist
aber eine Szene aus der 120. Minute
des Wembley-Finales: Beim letzten
Konter der Engländer, zum 4:2, ist nur
Overath noch einmal mit heraushän-
gender Zunge mit nach hinten gerannt.
Netzer und die neue
deutsche Weltoffenheit
Netzer lief kraftsparender. Er konnte
eine Diva sein, aber als „King vom
Bökelberg“ war er stets großes
Kino. Er war der erste Popstar des
Fußballs, mixte in seiner Disco
„Lovers Lane“ feuchte Drinks, wurde
umzingelt von schönen Frauen, und
wenn er mit flatternder Mähne aus
der Tiefe des Raumes kam und mit
Schuhgröße 47 gegen den Ball trat,
den ihm Berti zugegrätscht hatte,
ging die Luftpost ab: Netzers weite
Pässe standen für die neue deutsche
Weltoffenheit, er schlug sie hem-
mungslos und liberal, da blieb nichts
MIXTUR AUS GENIALITÄT UND KALTSCHNÄUZIGKEIT:
JOHAN CRUYFF IM WM-ENDSPIEL 1974.
LAUFSTARKER FEINGEIST: FELIX MAGATH IM
WM-HALBFINALE 1986 GEGEN FRANKREICH.
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