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SERIE SCHLÜSSELSPIELER ( TEIL 5)
ZENTRALES OFFENSI VES MITTELFELD
oder spielt die Gegner dicht hinter der
Spitze schwindlig, um der Barrikade
ihrer Doppel-Sechs zu entgehen.
Doch jetzt die gute Nachricht: Der
klassische Zehner ist tot, aber wenigs-
tens der Zauber der Zahl lebt peu à
peu wieder auf. Immer mehr Licht­
gestalten, die etwas auf sich halten,
stärken sich damit den Rücken,
darunter Linksaußen und Vollblut-
stürmer, denen pingelig betrachtet
die „10“ gar nicht zusteht, wir sagen
nur Julian Draxler, Lionel Messi oder
Zlatan Ibrahimovic.
Oder Neymar. Der war immer die „11“,
aber dann soll es mit seinem Natio-
naltrainer Luis Felipe Scolari zu
folgendem Dialog gekommen sein.
Neymar: „Warum trägt Oscar die
10?“ – Scolari: „Er ist unser Spiel­
macher.“ – „Aber ich bin Neymar“, hat
Neymar ungefähr geantwortet. Also
bekam er die „10“. Der Mythos lebt.
Oskar Beck
Knochenbrecher- und Holzfäller-
hemd verteufelt worden war.
Die glorreichen Zehner der alten
Schule gaben die Löffel ab. Ronal­
dinho hat kurz noch mal aufbegehrt,
doch der Realismus des Taktikfuß-
balls trieb auch diesen letzten Para-
diesvogel in die Flucht, das Spiel
versank im Nummernchaos. „Die 7
ist die neue 10“, behauptete eines
Tages das Fachorgan „kicker“ mit
Hinweis auf Beckham und Raul.
Die „doppelte 6“ und die „falsche 9“
kamen auf.
Wehmut machte sich breit, Trauer-
gottesdienste wurden anberaumt.
Als Nostalgiker war man jedem zä-
hen Alt-Zehner dankbar, der sich
noch eine Nische suchte, wie der alte
Gaucho Roman Riquelme, der Hol­
länder Wesley Sneijder oder Diego
in Wolfsburg.
Und Mesut Özil natürlich. „Er ist die
beste 10 der Welt“, hat neulich sein
alter Real-Trainer José Mourinho ge-
sagt. Notgedrungen zelebriert dieser
junge Deutsche jedoch seine Kunst
nicht mehr dort, wo noch Fritz Walter,
Overath und Netzer ihre Kreise dreh-
ten. Özil weicht auf die Flügel aus
Grabowski) schlüpften plötzlich ins
Hemd mit der „10“ und gruben den
klassischen Zehnern das Wasser ab.
Der Drittletzte war Uwe Bein, der
Vorletzte Krassimir Balakov – und
der Letzte der Gott in Frankreich:
Zinedine Zidane.
Der „10er“ ist tot,
sein Mythos lebt
Der sah noch mal aus wie eine
Kreuzung aus dem alten Pelé und
dem schlanken Maradona. Zidane
war komplett, und seine Lieblings-
nummer ging so: Er eroberte an
der Mittellinie den Ball, wie beim
Jojo tanzte der an seinen Füßen –
und irgendwann, wenn die Stolper-
beine, Rempler und Blutgrätschen
vor dem gegnerischen Strafraum
überhandnahmen, stellte er sich auf
die Kugel, drehte sich da oben um
die eigene Achse und schlenzte das
Runde dann im Umfallen durch die
hohle Gasse zum freien Mann.
Bald aber spürte man: Irgendwas
stimmt nicht mehr. Denn Zidane,
dieser geborene Zehner, trug bei Real
plötzlich die „5“ – also ein Trikot, das
zu Zeiten unseres unvergessenen
Ausputzers Willi Schulz noch als
EINER DER LETZTEN AUS DER
ZUNFT DER „KLASSISCHEN
ZEHNER“: WELT- UND EUROPA-
MEISTER ZINEDINE ZIDANE.
GENIALER MITTELFELD-
STRATEGE: DER „BLONDE ENGEL“
BERND SCHUSTER.
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