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SERIE SCHLÜSSELSPIELER ( TEIL 5)
ZENTRALES OFFENSI VES MITTELFELD
scheider mit dem Gefühl für den öff-
nenden Pass, für den Moment, da der
Gegner ausgespielt oder ausgetrickst
werden konnte, für die Sekunde, da
aus dem Spiel ernst wurde. Fähig
keiten, die in Deutschland eine Fülle
von Koryphäen an ihrem Arbeits- und
Regieplatz im Stadion besaßen:
Das fing 1954 rund um das „Wunder
von Bern“ mit dem weltmeister
lichen Strategen Fritz Walter, dem
feinfühligen Kapitän der Weltmeister
mannschaft, an, setzte sich fort über
die 60er-Jahre, die der spätere
Libero aller Liberos, Franz Becken-
bauer aus dem Mittelfeld heraus
prägte wie auch der Augsburger
Helmut Haller, ging über zur gol
denen 70er-Generation, zu der auch
noch der vor kurzem verstorbene
Kölner Overath-Kompagnon Heinz
Flohe zählte, und fand in den 80er-
und 90er-Jahren, gekrönt durch den
Weltmeistertitel 1990, weitere
Protagonisten in so unterschied
lichen Spielmachertypen wie Bernd
Attackieren ihrer Gegenspieler auch
als uneigennützige Dienstleister im
Spiel ohne Ball. Bei den Größen von
gestern, etwa dem Kölner Wolfgang
Overath, Netzer, dem Niederländer
Johan Cruyff, dem Franzosen Michel
Platini oder später dessen Lands-
mann Zinédine Zidane, wurde da
gegen auf den ersten Blick sichtbar,
wer hier der Chef war.
Sie hatten das gewisse Etwas in ihrer
Persönlichkeit und gefielen sich
manchmal sogar in ihrer unbestreit-
baren, unangefochtenen Hauptrolle.
Die Spielmacher der deutschen
Europa- und Weltmeisterauswahl
1972 und 1974 konnten, flankiert von
vorzüglichen Kollegen, auf die jeder-
zeit Verlass war, mit ihren Pfunden
wuchern. So wie sich auch Per
sönlichkeiten wie Platini, Zidane
oder dem unwiderstehlichen Diego
Maradona aus Argentinien kaum
jemand in den Weg zu stellen wagte.
Bis weit in die 90er-Jahre blieb genug
Raum und Platz für diese Spielent-
Die Bühne der privilegierten Ästhe-
ten, die wie einst der Mönchenglad-
bacher Starregisseur Günter Netzer
mit einem öffnenden Pass die „Tiefe
des Raumes“ überbrücken konnten,
ist heutzutage fast verwaist. Der mo-
derne Zehner muss, will er sein Spiel
durchsetzen, athletisch und läu
ferisch dieselben Höchstleistungs
ansprüche einlösen wie jene Spieler,
die einst eine Spur herablassend zu
Wasserträgern deklariert wurden.
Uneigennützige
Dienstleister
Oft heißt es, dass es den klassischen
Zehner in dieser Zeit des Ballerobe-
rungsfußballs nicht mehr gebe. Das
mag bis auf Ausnahmen so sein,
misst man das Charisma der Zaube-
rer von heute an der Magie, die den
Strategen von damals zu eigen war.
Özil, aber auch der ähnlich geniale
ehemalige Dortmunder und heutige
Münchner Mario Götze profilieren
sich durch ständiges Rochieren und
EINE DER PRÄGENDEN FIGUREN DES DEUTSCHEN MITTELFELDS DER 60ER-JAHRE:
DER 2012 VERSTORBENE AUGSBURGER HELMUT HALLER.